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Gutmensch

„Du Gutmensch!“ – Warum das Wort eine Waffe ist

 

Das Unwort des Jahres 2015.

Und immer noch frage ich mich: Wie ist das bitte passiert?

Wie kann es eine Beleidigung sein, wenn man ein guter Mensch ist?

Es folgt ein Artikel, den ich eigentlich gar nicht schreiben wollte.

Sieh ihn als Bonus, außer der Reihe. Wenn dich das Thema nervt, weil es einfach omnipräsent ist, lies ihn nicht.

 

Ich dachte erst, dass das nichts mit Mind Hack zu tun hat, aber eigentlich hat es das schon. Es geht nämlich um deine Einstellung, dein Bewusstsein und darum, dass du dich nicht blenden lassen solltest.

Es geht auch darum, einen Umgang mit diesem schwierigen Thema zu finden, der dich nicht zu negativ vereinnahmt. Einen gewissen, emotionalen Abstand.

 

Das Thema „Flüchtlinge“ ist einfach viel zu komplex, als dass ich hier, in einem kurzen Artikel, alles dazu sagen könnte.

Ehrlich gesagt, halte ich mich mittlerweile auch ganz bewusst aus dieser Diskussion raus.

Weil sie immer wieder hoch kocht. Die Menschen sind extrem überreizt.

Sie haben Angst. Sie machen Angst. Und sie bekommen Angst gemacht.

 

Facebook wird völlig überflutet von, zum größten Teil völlig an den Haaren herbei gezogenen, schlimmen Meldungen.

Die Anderen sind die Bösen. Hauptsache man steht auf einer Seite.

 

Ich will hier nicht auf den Grundsätzlichen Umgang mit Menschen, die auf der Flucht sind, eingehen.

Ich finde es immer noch gut, Menschen in Not zu helfen.

Aber Eins ist ja wohl auch ganz klar:

Arschlöcher sind Arschlöcher, egal aus welcher Gruppe sie kommen.

Das war schon vor 2015 so und es wird auch so bleiben.

 

Neu ist, dass mittlerweile wieder, mehr denn je, jede Aussage und jedes Geschehen völlig verdreht wird. Vor allem von denen, die am lautesten „Lügenpresse“ schreien. (Auch ein Wort, das genau in die gleiche Richtung zielt. Mit dem man einfach alles begründen kann, was man nicht begründen kann.)

 

Ich möchte dir einfach mal eine kurze Geschichte erzählen.

Ein Mann lebt in einem sehr streng muslimischen Land. Die Religion regiert zusammen mit der Gewalt.

Aber er ist so nicht glücklich. Er möchte anders leben. Er will mehr vom Leben.

Und so distanziert er, nennen wir ihn A., sich von der Religion, in die er hinein geboren wurde. Er sucht den Kontakt zu Menschen, die ähnlich denken, wie er. Er möchte frei sein. Er will die Welt sehen.

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Doch eines Tages bekommt er einen Anruf von seinen Eltern:

„Sie suchen dich. Wenn sie dich finden, bist du tot! Du kannst nie mehr hier her zurück kommen!“

Sein Vater liebt ihn, auch wenn er einen anderen Weg eingeschlagen hat, als er. Und so investiert er alles, was er hat, um seinem Sohn eine Flucht zu ermöglichen.

Um sein Leben zu retten.

 

Ein neuer Pass, ein Vermögen für die Schlepper.

A. verbringt mehrere Tage in einem winzigen Raum. Ein doppelter Boden in einem LKW. Kein Wasser, kein Essen.

Er nimmt Schlaftabletten um diese Tage überstehen zu können. Es ist seine einzige Chance auf ein Leben. Er wird seine Familie, die er liebt und die ihn so akzeptiert hat, wie er ist, nie wieder sehen können.

 

Nach diesen qualvollen Tagen,

die er zum Großteil schlafend verbracht hat, immer voller Angst, wird er in Deutschland auf einem Rastplatz abgesetzt.

Nun steht er da, völlig ausgehungert, dehydriert und ohne auch nur ein Wort in dieser Sprache zu sprechen.

Zum Glück hat er sich die englische Sprache beigebracht. Also geht er so lange auf andere Menschen und Autos zu, bis er einen Taxifahrer findet, der ihn versteht. Er bringt ihn zum Flüchtlingsheim der Stadt.

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Dieses Heim ist nicht toll,

aber es ist ein Platz, an dem er bleiben kann. Essen, trinken, waschen. Eine Liege zum Ausruhen.

Doch dann wird er weiter geschickt. Er muss in dieses eine Heim in Deutschland, wo alle Flüchtlinge hin müssen, die in Deutschland ankommen. Er muss noch ein mal 300 Kilometer dort hin fahren. Ein Witz gegen die lange Reise, die er hinter sich hat, aber auch nicht angenehm.

 

Das neue Heim ist vollgestopft mit Menschen.

Es ist extrem laut und man hat keine Sekunde einen Platz für sich alleine. In diesem Heim wird man mehr gehalten, als aufgefangen. Es sind einfach zu viele Menschen dort. Menschen, die alle grade eine ähnliche Geschichte erlebt haben, wie A.

Die Luft brennt. Alle sind verzweifelt. Haben alles verloren. Alle sind am Rande des Verstandes.

 

Und noch etwas: Alle sind gläubig.

Ihr Glauben ist das einzige, das sie noch hält. Und so beten sie, wie es ihre Religion vorgibt.

Nicht so A., denn er hat einen anderen Glauben. Das war schließlich der Grund seiner Flucht. Aber er kann jetzt nicht einfach sagen, dass er nicht mitmacht, wenn alle in dem kleinen Raum gemeinsam beten. Es wird gefährlich.

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„Bist du etwa ein Ungläubiger?“

Die Menschen, mit denen er zusammen gesperrt ist, sind noch immer sehr mit ihrer Religion verbunden. Für sie ist es das Schlimmste, die Religion, die ihnen Halt gibt, abzulehnen. Als einer der Ihren.

 

A. versucht sich aus der Situation heraus zu reden.

Er bete lieber alleine. Wo anders. Doch die Lage spitzt sich mehr und mehr zu. Er muss feststellen, dass er auch hier, wieder in der gleichen Situation gelandet ist. Die Situation aus der er eigentlich geflohen war.

 

In den nächsten Wochen verzweifelt er vollkommen.

Er sieht keinen Ausweg, denn er ist gezwungen mit genau diesen Leuten auf engstem Raum zusammen zu leben, die ihn in seiner Heimat verfolgten. Er würde am liebsten wieder zurück nach Hause gehen, auch wenn das hieße, dass er nicht mehr lange zu leben hat. Dort kann er wenigstens seine Familie wieder sehen.

 

In seiner größten Verzweiflung

erinnert er sich an ein Gespräch mit einem Ehepaar aus Deutschland.

Sie waren in dem Heim, weil sie helfen wollten. A. hatte sich gut mit ihnen verstanden. Sie schienen gute Menschen zu sein. Irgendwo hatte er doch ihre Telefonnummer aufgeschrieben…

 

Als das Ehepaar den verzweifelten Anruf von A. erhielt,

der ihnen unter Tränen mitteilte, dass er keinen Ausweg mehr sehe und in diesem Heim genau so um sein Leben fürchten musste, wie zuhause, setzten sie sich mit der Familie zusammen.

Sie überlegten, ob und wie sie A. helfen konnten. Sie standen vor der Wahl, ein Leben zu verändern. Sie waren, wenn sie ihn auch nicht gut kannten, die einzigen Menschen, die er hatte.

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Also beschlossen sie gemeinsam A. zu helfen.

Sie setzten in den nächsten Tagen alle Hebel in Bewegung und ermöglichten A. letztendlich einen Umzug. Zu ihnen nach Hause. Denn sie hatten mehr als genug Platz, um einen weiteren Menschen in ihrer Familie aufzunehmen.

 

Seit dem wohnt A. bei dieser Familie.

Er ist unendlich dankbar, die Chance auf ein neues Leben bekommen zu haben. Ein Leben, das es wert ist, gelebt zu werden. Er will ihnen natürlich nicht für immer zur Last fallen, denn wenn er die Möglichkeit hat, selbst für sich zu sorgen, will er das auch tun. Nichts lieber als das!

 

Ich bin mir sicher, dass er ihnen irgendwann auch etwas zurück geben wird.
Denn so funktioniert Menschlichkeit.

 

Ist es jetzt verwerflich, gute Menschen, wie diese Familie, zu sein?

Ich erzähle dir diese Geschichte, weil sie wahr ist. Ich kenne diese Leute. Und weil sie zeigt, dass jeder Mensch eine Geschichte hat. Und jeder Mensch steht vor der Wahl, ein Arschloch zu sein, oder eben nicht.

Kein Mensch ist genau so, wie alle anderen.

Nicht alle Flüchtlinge und nicht alle Deutschen.

 

Man muss keinen Menschen bei sich aufnehmen, um ein guter Mensch zu sein.

Aber man darf eben auch nicht verallgemeinern.

 

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Ja, es gibt auch Arschlöcher, die nach Deutschland flüchten.

Und es gibt auch Arschlöcher, die in Deutschland geboren wurden.

 

Das Unwort „Gutmensch“ beruht auf der grundsätzlich falschen Annahme, dass Jemand, der nicht gleich gegen alle (in diesem Fall: Flüchtlinge) ist, sofort FÜR alle ist.

 

Das ist verblendeter Schwachsinn.

Schwarz-Weiß-Denken.

Die Welt ist aber nicht schwarz-weiß.

 

Zu behaupten, dass ALLE Menschen, die nach Deutschland kommen, arme Leute sind, die nur Gutes im Sinn haben und prinzipiell unsere Liebe und Hilfe verdient haben, wäre absoluter Wahnsinn.

Nur sehr wenige Menschen sind so wahnsinnig, wenn überhaupt.

 

Das Wort „Gutmensch“, ist wie das Wort „Lügenpresse“ zum Werkzeug geworden.

Eine Waffe um uns aufzuhetzen.

 

Traue Niemandem mit einer Waffe in der Hand!

Lass dich nicht aufhetzen und entscheide immer objektiv, wer ein Arschloch ist und wer nicht.

Bevor du etwas glaubst, was auf Facebook steht und deine Wut hochkocht, check mal bei den absolut genialen Leuten von Mimikama, ob da was dran ist.

 

 

Und um dieses schwere Thema jetzt wieder zu schließen, beende ich mit einem etwas ungewöhnlichen Song.

 

„Du wirst nicht enttäuscht, wenn du nie etwas erwartest
und bevor du etwas falsch machst, dann mach mal lieber gar nichts.
Irgendjemand sagt schon irgendwann mal irgendwas.
Ansonsten musst du halt zufrieden sein mit dem was du hast.
Und selbst wenn alles scheiße ist, du pleite bist und sonst nichts kannst,
dann sei doch einfach stolz auf dein Land.
Oder gib die Schuld ein paar anderen armen Schweinen.
Hey wie wäre es denn mit den Leuten im Asylbewerberheim?

Und nein, ich war nie Anit-Alles ich war immer Anti-Ihr!
Doch hab schon lange angefangen mich mit Dingen zu arrangieren…“

 

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2 comments

  1. Marco says:

    Wirklich ein sehr gelungener Artikel, danke dafür. Ich sehe mir auch immer alles genau an und lasse mich nicht aufhetzen (bringt ja nichts, man kann ja eh nichts großartig verändern und falls man das könnte, dann würde man vielleicht etwas falsches tuen und etwas so verändern, das man so gar nicht haben wollte). Es ist echt alles sehr schwierig und kompliziert. Schade das es nicht nur friedliche sind die fliehen und schade das man nicht eine Lösung finden kann die allen dienlich ist. Friedlich, seriös, transparent und vertrauensvoll. Integrieren wäre toll, nur wie genau? Viele möchten sich integrieren andere überhaupt nicht.

    • Ronja
      Ronja says:

      Hey Marco,

      danke für deine Meinung. 🙂

      Das sind alles sehr schwierige Fragen, weil es eben um ganz verschiedene Menschen, mit verschiedenen Schicksalen geht.
      Ich hoffe, dass dieser Sturm bald etwas ruhiger wird. Von allen Seiten.

      Liebe Grüße,
      Ronja

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